Psychotherapie - Personzentriert nach Carl Rogers

In seinem Artikel "Sprache" zitiert Christian Fehringer, der lange Zeit mein Supervisor war, Max Frisch. (S 365)
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später seine eigene Geschichte die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, so daß (sic!) an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist. Trotzdem ist jede Geschichte, meine ich, eine Erfindung."
Dieses Zitat hat mir schon zu Beginn meiner Ausbildung einen Stein vom Herzen fallen lassen und hat mein Interesse geweckt für Konstruktivismus und narrative Ansätze. "Ich bin, was ich erzähle", ja aber es hört sich immer wieder anders an.

In der Therapie geht es oft darum "UNSAGBARES" zum Ausdruck zu bringen. Der personzentrierte Ansatz, den ich kennen und schätzen gelernt habe, ist offen für viele Symbolisierungsmöglichkeiten: Zeichnen, Malen, Darstellen, Tanzen – ja natürlich, wenn das die momentan bevorzugte Ausdrucksmöglichkeit des Klienten / der Klientin ist. Da wir Menschen als einzige Spezies aber auch mit Stimme und der Fähigkeit des verbalen Ausdrucks ausgestattet sind, sind diese Ressourcen auch im therapeutischen Kontext von zentraler Bedeutung.

Als Sprechende suchen wir Gehör, hören wir uns selbst, wollen wir verstanden werden, um uns selbst zu verstehen.

Als Sprechende erzählen wir uns immer wieder anders, immer wieder neu. Während eines therapeutischen Prozesses kann somit ein "radikaler" oder auch ein "subtiler" Perspektivenwechsel stattfinden: ursprünglich schwer problemzentrierte Geschichten verändern sich in Richtung alternativer Geschichten. Aus der Sackgasse der Finsternis führt der therapeutische Dialog zu mehr Licht und lässt den Klienten / die Klientin Dinge wahrnehmen und erzählen, die sein Welt erweitern.

Christian Fehringer (S 366) formuliert in Abwandlung eines Zitates von Trilling "Erst wenn ich erkenne, daß (sic!) ich in vielen Kopien (meiner selbst) möglich bin, werde ich zum Original."

Wie gar manchmal und vor allem bei jener wesentlichen Zuschreibung dessen, was uns Menschen ausmacht, liegt die "Wahrheit" auch hier im Paradoxen:
Kopie und doch Original,
Individuum und doch Teil eines größeren Ganzen,
Autonom und doch angewiesen auf Beziehung erzählen wir etwas ganz Persönliches, welches nach Carl Rogers auch das Allgemeine darstellt.